Südhessen. Die Vorbereitung ist abgeschlossen, die Generalprobe absolviert und am Samstag startet der SV Darmstadt 98 mit einem Heimspiel gegen Holstein Kiel in die neue Zweitliga-Saison. Nach einem ereignisreichen Transfersommer beginnt für Trainer Florian Kohfeldt seine dritte Spielzeit am Böllenfalltor. Selten zuvor war die Ausgangslage dabei so schwer einzuschätzen wie in diesem Jahr.
Quelle: Bild von PixabayDas torlose Unentschieden gegen den englischen Zweitligisten Portsmouth FC zum Abschluss der Vorbereitung lieferte zumindest erste Hinweise darauf, wo die Mannschaft bereits gefestigt wirkt und an welchen Stellen noch gearbeitet werden muss.
„Es war ein sehr guter Test gegen einen sehr physischen Gegner. Positiv ist, dass wir zu Null gespielt haben, unsere Chancen hatten und körperlich dagegengehalten haben. Unser Pressing haben wir teilweise nicht so gut ausgelöst und es gab auch zwei, drei Situationen, in denen es knapp geworden ist. Es gibt auf jeden Fall noch Positionen in der Startelf, die offen sind. Im Rahmen dessen, was aufgrund der Fluktuation möglich war, fühlen wir uns gut vorbereitet für Kiel“, sagte Florian Kohfeldt nach dem Spiel.
Nach einer ordentlichen Saison beginnt der größte Umbruch
Die vergangene Saison dürfte bei vielen Lilien-Fans mit gemischten Gefühlen in Erinnerung geblieben sein. Über weite Strecken hielt Darmstadt Kontakt zu den oberen Tabellenplätzen und zeigte phasenweise ansprechenden Fußball. Im Saisonendspurt fehlte der Mannschaft jedoch die Konstanz. Gegen Ende der Spielzeit ging den Lilien sichtbar die Luft aus. Rückblickend wäre durchaus mehr möglich gewesen.
Nun beginnt eine neue Saison unter deutlich schwierigeren Vorzeichen. Der personelle Umbruch fällt größer aus als in den vergangenen Jahren und stellt Florian Kohfeldt vor seine bislang größte Aufgabe als Darmstädter Trainer.
Die größten Baustellen liegen in der Offensive
Finanziell verlief der Sommer für den SV Darmstadt 98 äußerst erfolgreich. Durch mehrere Transfererlöse verschaffte sich der Verein zusätzlichen Handlungsspielraum. Sportlich hinterlassen diese Abgänge allerdings erhebliche Lücken.
Mit Isac Lidberg verlor Darmstadt seinen erfolgreichsten Torjäger der vergangenen Saison. Der Schwede erzielte in 30 Zweitligaspielen 17 Tore und bereitete drei weitere Treffer vor, ehe ihn der Wechsel in die Bundesliga lockte.
Auch Fraser Hornby wird den Lilien fehlen. Elf Tore und neun Vorlagen in lediglich 25 Ligaspielen sprechen für sich. Besonders bitter ist aus Darmstädter Sicht, dass der Schotte künftig für den VfL Wolfsburg aufläuft, der für viele Experten zu den Favoriten im Aufstiegsrennen zählt.
Hinzu kommt der Abgang von Killian Corredor, der ebenfalls regelmäßig für Torgefahr sorgte und mit fünf Treffern sowie drei Vorlagen wichtige Akzente setzte.
Zusammengerechnet verliert Darmstadt drei Offensivspieler, die einen Großteil der Torgefahr der vergangenen Saison ausmachten. Genau diese Qualität wird der Mannschaft zunächst fehlen.
Auch Erfahrung verlässt das Böllenfalltor
Nicht nur im Angriff muss sich Darmstadt neu aufstellen.
Mit Sergio López verliert der Verein einen Stammspieler auf der rechten Außenbahn. Auch Fabian Holland gehört nach vielen Jahren nicht mehr zum Kader. Der langjährige Kapitän absolvierte zuletzt zwar nicht mehr jede Partie, war mit seiner Erfahrung und seiner Identifikation mit dem Verein aber ein wichtiger Bestandteil der Mannschaft.
Die Defensive macht Hoffnung
Während die Offensive aktuell noch einige Fragezeichen aufwirft, erscheint die Defensive deutlich stabiler.
Mit Marcel Schuhen verfügen die Lilien weiterhin über einen der zuverlässigsten Torhüter der 2. Bundesliga. Die Rückkehr von Patric Pfeiffer könnte der Hintermannschaft zusätzliche Stabilität verleihen. Gemeinsam mit Aleksandar Vukotić und Matej Maglica verfügt Darmstadt bereits über ein eingespieltes Innenverteidiger-Duo. Hinzu kommen die beiden Neuzugänge Lührs und Dettoni, die den Konkurrenzkampf weiter erhöhen.
Sollte Matej Maglica den Verein tatsächlich noch verlassen, wäre allerdings kurzfristig weiterer Handlungsbedarf vorhanden.
Auch das defensive Mittelfeld wirkt insgesamt ausgewogen besetzt. Hiroki Akiyama, der nach seiner Leihe fest verpflichtet wurde, kennt den Verein bereits und dürfte in seiner zweiten Saison noch stärker eingebunden werden. Mit Carlo Sickinger stößt zudem ein erfahrener Zweitligaspieler von der SV Elversberg hinzu, der dem Zentrum zusätzliche Stabilität verleihen kann.
Wer ersetzt die verlorene Torgefahr?
Die spannendste Frage dieser Saison wird sein, ob Darmstadt die Qualität der Abgänge auffangen kann.
Besonders gespannt darf man auf Noah Weißhaupt sein. Der Offensivspieler gilt seit Jahren als großes Talent, konnte sich bislang weder beim SC Freiburg noch während seiner Leihe dauerhaft durchsetzen. In Darmstadt bietet sich ihm nun möglicherweise die Chance, regelmäßig Spielpraxis zu sammeln und sein Potenzial endlich konstant abzurufen. Gelingt ihm dieser Schritt, könnte er zu einer der positiven Überraschungen der Saison werden.
Mit Lance Duijvestijn haben die Lilien zudem einen kreativen Offensivspieler verpflichtet, der im letzten Drittel für neue Ideen sorgen könnte. Auch Ibrahim El Kadiri bringt interessante Anlagen mit. Entscheidend wird sein, wie schnell er sich an die Anforderungen der 2. Bundesliga gewöhnt.
Die größte Baustelle bleibt allerdings die Sturmspitze. Mit Fynn Lakenmacher, der sich in der vergangenen Saison trotz seiner Qualitäten nicht dauerhaft durchsetzen konnte, und dem japanischen Neuzugang Ho Jae Lee verfügt Darmstadt derzeit über zwei Spieler, die ihre Torgefahr auf Zweitliganiveau erst noch unter Beweis stellen müssen.
Sollte bis zum Ende der Transferperiode kein weiterer Mittelstürmer verpflichtet werden, könnte genau diese Position im Saisonverlauf zum entscheidenden Faktor werden.
Gleich zum Auftakt wartet ein erster Gradmesser
Mit Holstein Kiel wartet direkt zum Saisonstart ein Gegner, an dem sich der Leistungsstand der Lilien gut ablesen lässt.
Verzichten muss Florian Kohfeldt zunächst unter anderem auf Fabian Nürnberger und Luca Marseiler. Beide Ausfälle schmerzen, da insbesondere Marseiler mit seiner Dynamik und seinem Tempo jederzeit für offensive Akzente sorgen kann.
Ein Unentschieden gegen Kiel erscheint zum Auftakt durchaus realistisch. Gleichzeitig dürfte die Partie erste Hinweise darauf liefern, ob Darmstadt bereits die notwendige Stabilität besitzt oder ob der Umbruch noch Zeit benötigt.
Unsere Einschätzung
Der SV Darmstadt 98 geht mit einer interessanten, aber auch schwer einzuschätzenden Mannschaft in die neue Saison.
Defensiv wirken die Lilien gut aufgestellt. Mit Schuhen im Tor, einer stabilen Innenverteidigung und einem ausgewogenen defensiven Mittelfeld besitzt Darmstadt das Potenzial, zu den defensiv stärkeren Mannschaften der Liga zu gehören.
Die entscheidende Frage lautet jedoch, woher künftig die Tore kommen sollen. Die Abgänge von Isac Lidberg, Fraser Hornby und Killian Corredor wiegen schwer und lassen sich nicht von heute auf morgen ersetzen.
Sollten Noah Weißhaupt den erhofften Entwicklungsschritt machen, Lance Duijvestijn schnell Verantwortung übernehmen und bis zum Ende der Transferperiode noch ein treffsicherer Mittelstürmer verpflichtet werden, ist durchaus eine Platzierung im oberen Tabellendrittel möglich.
Stand heute überwiegen jedoch noch die offenen Fragen. Deshalb erscheint ein Tabellenplatz zwischen Rang 11 und 14 derzeit als die realistischste Prognose. Sollte die Offensive die Erwartungen nicht erfüllen, dürfte auch der Druck auf Florian Kohfeldt im Laufe der Saison wachsen.
