Die Zuckerrübenernte 2026 entwickelt sich für viele landwirtschaftliche Betriebe in Südhessen, Rheinhessen und der Pfalz zu einer wirtschaftlichen Belastungsprobe. Schädlinge, Pflanzenkrankheiten und monatelange Trockenheit haben den Rübenbeständen schwer zugesetzt. Nach Angaben des Verbands der Hessisch-Pfälzischen Zuckerrübenanbauer sind die Erträge in der Region so niedrig wie seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1991 nicht mehr.
Quelle: Bild von UnsplashBesonders dramatisch ist die Situation auf Feldern, auf denen die Pflanzen kaum noch verwertbare Rüben liefern. Andere Bestände müssen mit erheblichen Qualitätsverlusten geerntet werden. Der Verband schätzt die Erlösausfälle für die gesamte Anbauregion bereits auf 10 bis 13 Millionen Euro.
Auch für Südhessen hat die Entwicklung Bedeutung. Die Zuckerrübe ist hier eine wichtige landwirtschaftliche Kulturpflanze. Ihre Verarbeitung ist eng mit dem Südzucker-Werk im pfälzischen Offstein verbunden, das Rüben aus mehreren Regionen annimmt.
Schlechte Ernteergebnisse seit Beginn der Aufzeichnungen
Wie außergewöhnlich die diesjährige Ernte ausfällt, zeigen die vom Anbauerverband veröffentlichten Zahlen für Rheinland-Pfalz.
Dort werden derzeit durchschnittlich rund 41 Tonnen Zuckerrüben je Hektar geerntet. Daraus lassen sich kaum mehr als 7,5 Tonnen Zucker gewinnen. Im vergangenen Jahr lag der Zuckerertrag nach Verbandsangaben noch bei fast 15 Tonnen je Hektar.
Einige Felder bringen lediglich 20 bis 30 Tonnen Rüben je Hektar. In besonders stark geschädigten Beständen fällt die verwertbare Ernte teilweise vollständig aus.
Die genannten Ertragswerte beziehen sich auf Rheinland-Pfalz. Einen gesonderten aktuellen Durchschnittswert für Südhessen nennt der Verband in seiner Mitteilung nicht.
Fest steht allerdings, dass auch südhessische Betriebe unter den schwierigen Bedingungen leiden. Selbst dort, wo Landwirte ihre Felder beregnen konnten, ist die Qualität vieler Rüben beeinträchtigt.
Ein kleines Insekt richtet große Schäden an
Eine entscheidende Ursache der Erntekrise ist die Schilf-Glasflügelzikade.
Das unscheinbare Insekt kann Krankheitserreger auf Zuckerrüben übertragen. Besonders problematisch ist der sogenannte SBR-Krankheitskomplex. Die Abkürzung steht für das Syndrom der niedrigen Zuckergehalte.
Erkrankte Pflanzen können deutlich weniger Zucker einlagern. Zudem verändert sich die Beschaffenheit der Rüben. Sie werden teilweise weich oder gummiartig und können zu faulen beginnen.
Nach Einschätzung des Anbauerverbands trat die Schilf-Glasflügelzikade 2026 besonders früh und in ungewöhnlich großer Zahl auf.
Damit waren die Pflanzen über einen langen Zeitraum einem hohen Infektionsdruck ausgesetzt.
Zusätzlich bereitete die Rübenmotte Probleme. Ihre Larven schädigen die Pflanzen, indem sie sich in das Rübengewebe fressen.
Das Zusammenspiel mehrerer Schädlinge und Krankheiten hat die Schäden erheblich verstärkt.
Monatelange Trockenheit verschärft die Erntekrise
Zu den biologischen Schäden kam die außergewöhnliche Trockenheit des Jahres 2026.
In Hessen fielen seit März über mehrere Monate deutlich weniger Niederschläge als üblich. Hohe Temperaturen und starke Verdunstung belasteten die Landwirtschaft zusätzlich.
Zuckerrüben benötigen während ihres Wachstums ausreichend Wasser, um Blattmasse und Rübenkörper auszubilden.
Bleibt der Regen über längere Zeit aus, verlangsamt sich die Entwicklung der Pflanzen. Gleichzeitig können bereits geschwächte Bestände anfälliger für weitere Belastungen werden.
In Südhessen konnten einige Landwirte mit künstlicher Beregnung zumindest einen Teil der Erntemenge sichern. Das verursacht allerdings zusätzliche Kosten für Wasser, Energie und Technik.
Vor allem lässt sich dadurch nicht jede Folge des Krankheitsbefalls verhindern.
So können auch äußerlich ausreichend große Rüben einen zu niedrigen Zuckergehalt aufweisen oder bereits Schäden zeigen, die ihre Verarbeitung erschweren.
Warum nicht nur die Erntemenge entscheidend ist
Für den wirtschaftlichen Erfolg des Zuckerrübenanbaus kommt es nicht allein darauf an, wie viele Tonnen ein Betrieb vom Feld holt.
Entscheidend ist auch, wie viel Zucker die geernteten Rüben enthalten.
Ein hoher Rübenertrag mit geringem Zuckergehalt kann deshalb wirtschaftlich weniger wert sein als eine kleinere Ernte mit guter Qualität.
Hinzu kommt die Lagerfähigkeit.
Zuckerrüben werden nach der Rodung nicht immer sofort verarbeitet. Häufig lagern sie zunächst am Feldrand, bis sie zur Zuckerfabrik transportiert werden.
Wenn die Rüben bereits geschädigt sind oder zu faulen beginnen, können weitere Verluste entstehen.
Der Anbauerverband berichtet, dass sich die Lage während der laufenden Ernte deshalb teilweise von Woche zu Woche verschlechtert.
Auch Nebenprodukte der Zuckerherstellung sind betroffen. Rübenschnitzel werden normalerweise als Futtermittel verwendet. In diesem Jahr erschwert nach Angaben des Verbands eine erhöhte Pilzbelastung ihre Nutzung.
Zuckerfabrik Offstein ist auf regionale Rüben angewiesen
Die Probleme auf den Feldern betreffen nicht nur landwirtschaftliche Betriebe.
Die Zuckerfabrik Offstein in der Pfalz verarbeitet Zuckerrüben aus der Pfalz, Rheinhessen, Südhessen und der Wetterau.
Damit verbindet der Standort die Landwirtschaft mehrerer Regionen mit der industriellen Lebensmittelproduktion.
Für die Fabrik sind ausreichende Mengen geeigneter Rüben eine wesentliche Grundlage des Betriebs.
Der Hessisch-Pfälzische Zuckerrübenanbauerverband warnt deshalb vor langfristigen Folgen, wenn sich der Rübenanbau wirtschaftlich nicht mehr lohnt.
Dabei handelt es sich um eine Warnung des Verbands. Eine angekündigte Schließung des Werks Offstein ist damit nicht verbunden.
Das Werk ist ein etablierter Produktionsstandort der Südzucker AG. Während der Verarbeitungskampagne werden dort täglich große Mengen Rüben angeliefert und verarbeitet.
Ein dauerhafter Rückgang des regionalen Anbaus könnte die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die gesamte Lieferkette verändern.
Verband beziffert Erlösverluste auf bis zu 13 Millionen Euro
Nach einer ersten Schätzung des Anbauerverbands verlieren die landwirtschaftlichen Betriebe der Region in diesem Jahr insgesamt zwischen 10 und 13 Millionen Euro an Erlösen.
Diese Zahl beschreibt den geschätzten Erlösausfall, nicht den endgültigen betriebswirtschaftlichen Verlust aller beteiligten Unternehmen.
Für einzelne Landwirte kann die Belastung dennoch erheblich sein.
Kosten für Saatgut, Bodenbearbeitung, Pflanzenschutz, Maschinen und Ernte fallen zum großen Teil unabhängig davon an, wie gut die Ernte am Ende ausfällt.
In diesem Jahr kamen für manche Betriebe zusätzliche Ausgaben für die Beregnung hinzu.
Wenn anschließend weniger verwertbare Rüben und geringere Zuckermengen verkauft werden können, geraten die wirtschaftlichen Kalkulationen unter Druck.
Wie stark einzelne Betriebe im Kreis Bergstraße betroffen sind, lässt sich aus der regionalen Gesamtschätzung allerdings nicht beziffern.
Anbauer fordern mehr Forschung und wirksamen Pflanzenschutz
Der Verband der Hessisch-Pfälzischen Zuckerrübenanbauer fordert politische Unterstützung.
Aus seiner Sicht fehlen den Betrieben ausreichend wirksame Möglichkeiten, um den zunehmenden Schädlingsdruck zu kontrollieren.
Verbandsvertreter sprechen sich deshalb für mehr praxisnahe Forschung und zusätzliche Instrumente zur Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade aus.
Die Forderung betrifft sowohl kurzfristige Lösungen für die kommende Anbausaison als auch längerfristige Anpassungen des Rübenanbaus.
Dabei ist zwischen der Position des Verbands und der tatsächlichen Wirksamkeit einzelner Maßnahmen zu unterscheiden. Welche Pflanzenschutzverfahren geeignet und rechtlich zulässig sind, muss fachlich und behördlich geprüft werden.
Der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen informiert bereits über Möglichkeiten zur Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade. Für bestimmte besonders betroffene Regionen wurden 2026 zusätzliche chemische Bekämpfungsmaßnahmen freigegeben.
Der Anbauerverband hält die bisherigen Möglichkeiten dennoch für unzureichend.
Politik soll Schäden noch vor Ende der Ernte sehen
Um auf die Situation aufmerksam zu machen, lädt der Verband politische Vertreter ein, betroffene Zuckerrübenfelder persönlich zu besuchen.
Die Rodung in der Anbauregion Hessen-Pfalz soll spätestens am 12. November abgeschlossen sein.
Danach sind viele Schäden auf den Feldern nicht mehr unmittelbar zu erkennen.
Der Verband möchte deshalb noch während der laufenden Ernte zeigen, welche Folgen Schädlinge, Pflanzenkrankheiten und Trockenheit in diesem Jahr haben.
Für die Betriebe geht es dabei auch um die Frage, unter welchen Bedingungen sich der Zuckerrübenanbau künftig fortsetzen lässt.
Was die Erntekrise für Südhessen bedeutet
Die Zuckerrübenernte 2026 zeigt, wie eng landwirtschaftliche Produktion, Wetterbedingungen, Pflanzengesundheit und regionale Industrie miteinander verbunden sind.
Südhessische Landwirte müssen nicht nur mit geringeren Erträgen rechnen. Auch die Qualität und Verwertbarkeit der geernteten Rüben können erheblich beeinträchtigt sein.
Gleichzeitig ist die Zuckerfabrik Offstein auf eine verlässliche Versorgung aus ihrer Anbauregion angewiesen.
Ob die diesjährige Erntekrise zu einem dauerhaften Rückgang des Zuckerrübenanbaus führt, ist noch offen.
Die kommenden Monate dürften deshalb nicht nur für die betroffenen Landwirte wichtig werden, sondern auch für die Frage, wie sich die regionale Zuckerproduktion an zunehmende Trockenheit und neue Pflanzenschutzprobleme anpassen kann.
