Wer im Spätsommer und Herbst entlang der Bergstraße unterwegs ist, kann in den Weinbergen ein auffälliges Farbenspiel beobachten. Während manche Rebzeilen noch kräftig grün erscheinen, leuchten andere bereits gelb. Dazwischen finden sich rötliche, orangefarbene oder bräunliche Blätter.
Quelle: Bild von PexelsBesonders gut lässt sich dieser Wechsel an den Hängen zwischen Zwingenberg, Bensheim, Heppenheim und den umliegenden Weinorten beobachten. Doch warum verfärben sich die Reben nicht gleichzeitig? Die Antwort liegt in der Biologie der Pflanzen, aber auch in Rebsorte, Standort, Wasserversorgung und dem Verlauf des jeweiligen Weinjahres.
Warum werden Weinblätter im Herbst überhaupt bunt?
Die Verfärbung der Weinberge folgt grundsätzlich demselben Prinzip wie bei vielen Laubbäumen.
Während der Wachstumsphase enthalten die Blätter große Mengen Chlorophyll. Dieser Pflanzenfarbstoff sorgt für die grüne Farbe und spielt eine entscheidende Rolle bei der Photosynthese.
Mit kürzer werdenden Tagen und sinkenden Temperaturen verändert die Rebe ihren Stoffwechsel.
Die Pflanze bereitet sich auf die Winterruhe vor und beginnt, wertvolle Bestandteile aus den Blättern zurückzuziehen.
Dabei wird auch Chlorophyll zunehmend abgebaut.
Das kräftige Grün verschwindet und andere Farbstoffe, die zuvor vom Chlorophyll überdeckt wurden, werden sichtbar.
Woher kommt die gelbe Farbe?
Gelbliche Weinblätter entstehen vor allem durch sogenannte Carotinoide.
Diese Farbstoffe befinden sich bereits während des Sommers in den Blättern. Solange viel Chlorophyll vorhanden ist, fällt ihre Farbe jedoch kaum auf.
Erst wenn das Chlorophyll im Herbst abgebaut wird, treten die gelben und teilweise orangefarbenen Töne stärker hervor.
Deshalb kann eine Rebfläche innerhalb relativ kurzer Zeit ihr Erscheinungsbild verändern.
Aus einem sattgrünen Weinberg wird dann ein goldgelber Hang.
Warum werden manche Weinblätter rot?
Bei einigen Reben treten zusätzlich rote Farbtöne auf.
Dafür können sogenannte Anthocyane verantwortlich sein. Diese Pflanzenfarbstoffe sorgen auch bei vielen Früchten und anderen Pflanzen für rote bis violette Färbungen.
Wie stark diese Farben sichtbar werden, hängt unter anderem von der Rebsorte und den Bedingungen während der herbstlichen Alterung der Blätter ab.
Deshalb sieht nicht jeder Weinberg im Herbst gleich aus.
Während eine Parzelle überwiegend gelb erscheint, können wenige Meter weiter deutlich rötlichere Blätter zu sehen sein.
Die Rebsorte macht einen Unterschied
An der Hessischen Bergstraße wachsen verschiedene Rebsorten.
Besonders bekannt ist die Region für Riesling. Daneben werden unter anderem Grauburgunder, Weißburgunder, Spätburgunder und weitere Sorten angebaut.
Diese Reben besitzen unterschiedliche genetische Eigenschaften.
Das zeigt sich nicht nur an den Trauben, sondern auch an Wachstum, Reifezeit und Blattentwicklung.
Entsprechend können sich verschiedene Sorten im Herbst unterschiedlich schnell und unterschiedlich intensiv verfärben.
Die Farbe eines Weinbergs hängt deshalb auch davon ab, welche Reben dort wachsen.
Rotwein bedeutet nicht automatisch rote Blätter
Eine naheliegende Vermutung lautet, dass Reben mit roten Trauben grundsätzlich rote Blätter bekommen und Weißweinreben gelbe.
Ganz so einfach ist es allerdings nicht.
Die Farbe der Traubenschale und die Herbstfärbung der Blätter werden durch unterschiedliche biologische Prozesse beeinflusst.
Zwar können bestimmte Sorten typische Tendenzen bei der Blattfärbung zeigen. Allein anhand eines roten Weinbergs lässt sich jedoch nicht zuverlässig bestimmen, welche Traubensorte dort angebaut wird.
Auch Umweltbedingungen und der Gesundheitszustand der Pflanzen beeinflussen das Erscheinungsbild.
Warum bleibt ein Weinberg länger grün als der andere?
Selbst Weinberge mit derselben Rebsorte können sich unterschiedlich entwickeln.
Ein wichtiger Grund ist der Standort.
An der Bergstraße wechseln sich verschiedene Hanglagen, Höhenlagen und Ausrichtungen ab. Manche Reben bekommen länger direkte Sonne, andere stehen früher im Schatten.
Auch der Boden unterscheidet sich.
Je nachdem, wie viel Wasser gespeichert werden kann und welche Nährstoffe verfügbar sind, reagieren die Pflanzen unterschiedlich auf Trockenheit und das Ende der Vegetationsperiode.
Deshalb kann eine Rebfläche noch vergleichsweise grün sein, während eine benachbarte Fläche bereits deutlich herbstlicher aussieht.
Die Bergstraße hat besondere klimatische Bedingungen
Die Hessische Bergstraße gehört zu den kleinsten deutschen Weinanbaugebieten.
Gleichzeitig ist sie für ihr vergleichsweise mildes Klima bekannt.
Der Odenwald schützt die westlich gelegenen Hänge teilweise vor ungünstigen Wettereinflüssen. Gleichzeitig profitieren die Weinlagen von einer günstigen Sonneneinstrahlung.
Das milde Klima ist einer der Gründe, weshalb Weinbau an der Bergstraße eine so lange Tradition besitzt.
Im Herbst können warme Tage dafür sorgen, dass die Reben noch vergleichsweise lange aktiv bleiben.
Die Umstellung auf die Winterruhe erfolgt deshalb nicht an einem festen Datum.
Auch kalte Nächte beeinflussen das Farbenspiel
Für eine auffällige Herbstfärbung ist nicht ausschließlich die Tageswärme entscheidend.
Auch kühlere Nächte können die Prozesse in den Blättern beeinflussen.
Gerade der Wechsel zwischen sonnigen Tagen und kühlen Nächten kann dazu beitragen, dass bestimmte Farbstoffe stärker sichtbar werden.
Wie intensiv ein Weinberg im Herbst leuchtet, kann deshalb von Jahr zu Jahr unterschiedlich ausfallen.
Ein warmer Herbst verläuft anders als eine Phase mit frühen kalten Nächten.
Welche Rolle spielt Trockenheit?
Auch die Wasserversorgung beeinflusst die Reben.
Bei längeren Trockenperioden geraten Pflanzen unter Stress. Besonders auf Böden, die wenig Wasser speichern können, kann sich das bemerkbar machen.
Blätter können früher gelb oder braun werden und teilweise vorzeitig abfallen.
Eine frühe Verfärbung ist deshalb nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass der natürliche Herbstprozess bereits besonders weit fortgeschritten ist.
Sie kann auch mit Trockenstress zusammenhängen.
Gerade nach trockenen Sommern lohnt sich deshalb ein genauerer Blick auf die Weinberge.
Braune Blätter sind nicht dasselbe wie Herbstfärbung
Gelbe und rote Blätter gehören grundsätzlich zum natürlichen Jahreszyklus.
Braune, vertrocknete Blattränder oder ungewöhnliche Flecken können dagegen andere Ursachen haben.
Neben Wassermangel kommen beispielsweise Nährstoffprobleme, Krankheiten oder Schädlinge infrage.
Für Spaziergänger ist die Ursache einzelner Verfärbungen allerdings kaum zuverlässig zu bestimmen.
Nicht jede braune Stelle bedeutet, dass eine Rebe krank ist. Ebenso wenig ist jede frühe Gelbfärbung automatisch normale Herbstfärbung.
Winzer beurteilen deshalb immer die gesamte Pflanze und die Bedingungen in der jeweiligen Parzelle.
Kann man an den Blättern erkennen, ob die Trauben reif sind?
Nur sehr eingeschränkt.
Die Reife der Trauben wird nicht einfach anhand der Blattfarbe bestimmt.
Für den richtigen Lesezeitpunkt spielen unter anderem Zuckergehalt, Säure, Geschmack, Gesundheitszustand der Trauben und der gewünschte Weinstil eine Rolle.
Ein bereits gelblicher Weinberg bedeutet daher nicht automatisch, dass die Trauben sofort gelesen werden müssen.
Umgekehrt können Trauben bereits erntereif sein, obwohl ein großer Teil des Laubs noch grün erscheint.
Warum sind während der Weinlese noch Blätter an den Reben?
Die Weinlese findet statt, bevor die Rebe vollständig in die Winterruhe übergeht.
Die Blätter erfüllen auch während der Reifephase wichtige Aufgaben.
Solange sie aktiv sind, betreiben sie Photosynthese und versorgen die Pflanze mit Energie.
Erst mit fortschreitendem Herbst zieht die Rebe zunehmend Nährstoffe aus den Blättern zurück.
Danach bildet sich zwischen Blattstiel und Trieb eine Trennschicht. Schließlich fallen die Blätter ab.
Die kahlen Rebstöcke bleiben anschließend über den Winter im Weinberg stehen.
Wann färben sich die Weinberge an der Bergstraße?
Ein exakter Termin lässt sich nicht nennen.
Erste Veränderungen können je nach Witterung und Standort bereits gegen Ende des Sommers auffallen. Die deutlichere Herbstfärbung entwickelt sich anschließend im Verlauf des Septembers und Oktobers.
Wann das Farbenspiel besonders intensiv ausfällt, hängt stark vom jeweiligen Jahr ab.
Warme Temperaturen können die Entwicklung hinauszögern. Kühlere Nächte und kürzere Tage treiben die Umstellung der Pflanzen dagegen voran.
Deshalb lohnt sich derselbe Spazierweg durch die Weinberge im Abstand von wenigen Wochen oft gleich mehrfach.
Warum verlaufen die Farbgrenzen manchmal so auffällig?
Von Aussichtspunkten an der Bergstraße lassen sich teilweise erstaunlich klare Unterschiede zwischen einzelnen Rebflächen erkennen.
Eine Parzelle ist bereits gelb, die nächste noch grün.
Solche Grenzen können verschiedene Ursachen haben.
Oft handelt es sich schlicht um unterschiedliche Rebsorten. Auch Alter und Pflege der Reben, Bodenbedingungen, Hanglage und Wasserversorgung können eine Rolle spielen.
Da Weinberge in einzelne Parzellen gegliedert sind, werden Unterschiede besonders deutlich sichtbar.
Die Landschaft wirkt dadurch im Herbst stellenweise wie ein Mosaik.
Hat die Weinlese Einfluss auf die Blattfarbe?
Die Ernte selbst ist nicht der eigentliche Auslöser der Herbstfärbung.
Der natürliche Alterungsprozess der Blätter wird vor allem durch Tageslänge, Temperatur und die innere Entwicklung der Pflanze gesteuert.
Allerdings fallen Weinlese und beginnende Herbstfärbung zeitlich häufig zusammen.
Dadurch entsteht schnell der Eindruck, die Reben würden sich verfärben, weil die Trauben geerntet wurden.
Tatsächlich laufen beide Prozesse weitgehend parallel.
Warum verlieren Reben ihre Blätter?
Weinreben gehören zu den sommergrünen Pflanzen.
Sie behalten ihre Blätter also nicht über den Winter.
Für die Rebe wäre es ungünstig, das empfindliche Laub während Frostperioden weiter zu versorgen.
Deshalb zieht die Pflanze vor dem Blattfall noch verwertbare Stoffe zurück und lagert Reserven in mehrjährigen Pflanzenteilen ein.
Anschließend werden die Blätter abgestoßen.
Im Winter bleiben die verholzten Teile der Rebe zurück.
Was passiert im Weinberg nach dem Blattfall?
Mit dem Blattfall endet die Arbeit der Winzer keineswegs.
Nach der Vegetationsperiode beginnt die Vorbereitung auf das kommende Weinjahr.
Eine besonders wichtige Arbeit ist der Rebschnitt.
Dabei werden große Teile der im vergangenen Jahr gewachsenen Triebe entfernt. Nur ausgewählte Teile bleiben für den nächsten Austrieb erhalten.
Der Schnitt beeinflusst, wie sich die Rebe im folgenden Frühjahr entwickelt und wie viele Trauben sie später tragen kann.
Während die Weinberge für Spaziergänger im Winter ruhig wirken, laufen dort also bereits wichtige Arbeiten für die nächste Saison.
Wann treiben die Reben wieder aus?
Nach der Winterruhe beginnt im Frühjahr der nächste Vegetationszyklus.
Mit steigenden Temperaturen öffnen sich die Knospen und neue grüne Triebe erscheinen.
An der klimatisch begünstigten Bergstraße kann die Vegetation vergleichsweise früh beginnen.
Das ist einer der Gründe, weshalb die Region im Frühjahr für ihre frühe Blüte bekannt ist.
Für die Reben birgt ein früher Austrieb allerdings auch Risiken. Späte Nachtfröste können junge Triebe beschädigen.
Das milde Klima bringt für den Weinbau deshalb Vorteile, schützt aber nicht vor allen Wetterrisiken.
Der Herbst zeigt, wie unterschiedlich Weinberge wirklich sind
Aus der Entfernung wirken Weinberge häufig sehr gleichmäßig.
Im Herbst werden ihre Unterschiede besonders sichtbar.
Rebsorten, Boden, Hanglage, Wasserversorgung und Witterung sorgen dafür, dass sich benachbarte Flächen unterschiedlich entwickeln.
Genau deshalb kann eine Wanderung an der Bergstraße innerhalb weniger Kilometer durch grüne, gelbe und rötliche Rebflächen führen.
Die Herbstfarben sind damit weit mehr als eine schöne Kulisse. Sie machen sichtbar, dass jeder Weinberg unter etwas anderen Bedingungen wächst.
Häufig gestellte Fragen zur Herbstfärbung der Weinberge
Wenn Sie mehr über die besondere Landschaft der Region wissen möchten, lesen Sie hier, warum die Bergstraße als Deutschlands Frühlingsgarten gilt.
