Apfel-, Birnen-, Kirsch- und Zwetschgenbäume gehören seit Generationen zur Landschaft an der Bergstraße. Doch viele dieser Streuobstwiesen stehen vor einem Problem: Die Bäume leiden unter heißen und trockenen Sommern, gleichzeitig können ältere Besitzer ihre Grundstücke teilweise nicht mehr selbst pflegen.
Quelle: Bild von UnsplashDer Kreis Bergstraße reagiert darauf mit einem ungewöhnlichen Projekt. Für 2026 und 2027 wird erstmals ein „Bergsträßer Jahr der Streuobstwiese“ ausgerufen.
Geplant sind Schnitt- und Pflanzkurse, Vorträge, gemeinsame Aktionen und eine stärkere Vernetzung der Menschen, die sich in der Region um Streuobstwiesen kümmern.
Den großen Auftakt bildet am 25. Oktober 2026 der erste Bergsträßer Streuobstmarkt in Bensheim.
Warum Streuobstwiesen für die Bergstraße wichtig sind
Streuobstwiesen unterscheiden sich deutlich von intensiv bewirtschafteten Obstplantagen.
Typisch sind hochstämmige Obstbäume, die mit größeren Abständen auf Wiesen stehen. Zwischen und unter den Bäumen entsteht dadurch zusätzlicher Lebensraum.
Solche Flächen prägen nicht nur das Landschaftsbild. Sie können gleichzeitig Lebensraum für zahlreiche Pflanzen und Tiere bieten.
Hinzu kommt ihre kulturelle Bedeutung.
Über Generationen wurden auf den Wiesen unterschiedliche Apfel-, Birnen-, Kirsch-, Zwetschgen- und andere Obstsorten angebaut. Mit der Pflege der Bäume wurde auch Wissen über Schnitt, Ernte und Verarbeitung weitergegeben.
Genau dieses Wissen droht nach Einschätzung des Kreises zunehmend verloren zu gehen.
Hitze und Trockenheit setzen den Flächen zu
Eine Herausforderung ist der Klimawandel.
Sehr heiße und trockene Sommer belasten nach Angaben des Kreises sowohl Pflanzen als auch Tiere auf den Streuobstwiesen.
Für alte Bäume können längere Trockenperioden problematisch sein. Junge Bäume wiederum benötigen nach einer Pflanzung besondere Pflege, damit sie sich entwickeln können.
Das Problem beschränkt sich deshalb nicht darauf, neue Obstbäume in die Erde zu setzen.
Damit eine Streuobstwiese langfristig erhalten bleibt, müssen die Bäume über Jahre gepflegt und regelmäßig fachgerecht geschnitten werden.
Viele Besitzer können ihre Wiesen nicht mehr selbst pflegen
Hinzu kommt eine zweite Entwicklung.
Viele Streuobstwiesen befinden sich nach Angaben des Kreises im Besitz älterer Menschen.
Nicht alle können die teilweise arbeitsintensive Pflege dauerhaft selbst übernehmen.
Bleiben Flächen längere Zeit ungepflegt, kann sich ihr Zustand zunehmend verschlechtern.
Der Kreis spricht deshalb von immer weniger intakten und gepflegten Streuobstwiesen.
Gleichzeitig verschwindet mit älteren Generationen ein Teil des praktischen Wissens darüber, wie solche Flächen bewirtschaftet werden.
Das Aktionsjahr soll genau an dieser Stelle ansetzen.
Ein ganzes Jahr mit Kursen und Aktionen
Das Bergsträßer Jahr der Streuobstwiese ist nicht als einzelne Veranstaltung gedacht.
Über 2026 und 2027 verteilt sollen unterschiedliche Angebote gebündelt werden.
Dazu gehören unter anderem Pflanz- und Schnittkurse für Obstbäume.
Auch Vorträge zur neuen Streuobstrichtlinie und zur Beweidung solcher Flächen sind vorgesehen.
Ein weiterer Bestandteil ist die bereits seit Jahren angebotene Sammelbestellung für Obstbäume.
Dabei können Interessierte über den Kreis gemeinsam hochstämmige Obstbäume bestellen.
Zur Auswahl stehen inzwischen mehr als 90 verschiedene Sorten von Äpfeln, Birnen, Kirschen, Zwetschgen, Pflaumen und Mirabellen.
Erster Streuobstmarkt findet am 25. Oktober statt
Der öffentliche Auftakt des Aktionsjahres findet in Bensheim statt.
Am Sonntag, 25. Oktober 2026, veranstaltet der Kreis von 11 bis 17 Uhr erstmals einen Bergsträßer Streuobstmarkt.
Veranstaltungsort ist das Naturschutzzentrum Bergstraße in der Straße An der Erlache 17 in Bensheim.
Um 11.30 Uhr ist die offizielle Eröffnung vorgesehen.
Danach soll sich auf dem Gelände vieles um Obstbäume, Wiesenpflege und die Verarbeitung der Früchte drehen.
Besucher können beim Keltern zuschauen
Der Markt soll dabei ausdrücklich keine reine Informationsveranstaltung werden.
Zu den ganztägigen Angeboten gehört beispielsweise das Live-Keltern von Apfelsaft.
Für Kinder sind Mitmach- und Bastelangebote vorgesehen.
Eine Ausstellung beschäftigt sich mit der Veränderung von Streuobstwiesen im Laufe der Zeit.
Außerdem wird ein Film über Streuobstwiesen im Odenwald gezeigt.
Auch verschiedene Vereine, Naturschutzorganisationen und regionale Initiativen präsentieren ihre Arbeit.
Alte Sense kann kostenlos wieder geschärft werden
Ein eher ungewöhnliches Angebot gibt es ebenfalls.
Sensenlehrer Stephan Konzack zeigt auf dem Markt, wie eine Sense richtig eingesetzt wird.
Besucher können ihre eigene alte oder stumpfe Sense mitbringen.
Vor Ort wird ein sogenannter Dengelservice angeboten, bei dem die Schneide wieder für ihren Einsatz vorbereitet wird.
Das traditionelle Werkzeug hat auf Streuobstwiesen durchaus praktische Bedeutung.
Denn die Flächen unter den Obstbäumen müssen gepflegt werden, ohne dabei den Charakter der Wiese zu zerstören.
Neues Netzwerk für Besitzer von Streuobstwiesen geplant
Das Aktionsjahr soll aber nicht nur Wissen vermitteln.
Menschen, die selbst Streuobstwiesen besitzen oder bewirtschaften, sollen stärker miteinander vernetzt werden.
Beim Streuobstmarkt ist deshalb für 14.30 Uhr ein Treffen für Interessierte vorgesehen, die gemeinsam ein Bergsträßer Streuobstwiesennetzwerk aufbauen möchten.
Dort können sich Besitzer kennenlernen und über Erfahrungen, Probleme und mögliche Zusammenarbeit austauschen.
Gerade die Pflege könnte dadurch künftig leichter organisiert werden.
Denn nicht jeder Besitzer verfügt selbst über sämtliche Geräte, Kenntnisse oder ausreichend Zeit.
Wissen soll nicht mit einer Generation verschwinden
Hinter dem Projekt steckt damit ein größeres Problem als der Erhalt einzelner Obstbäume.
Streuobstwiesen sind Teil einer traditionellen Kulturlandschaft.
Damit diese erhalten bleibt, muss auch das Wissen über ihre Bewirtschaftung weitergegeben werden.
Wie wird ein junger Obstbaum richtig gepflanzt?
Wann sollte ein alter Baum geschnitten werden?
Welche Sorten eignen sich für einen Standort?
Und wie lässt sich eine Wiese pflegen, ohne ihren ökologischen Wert zu verlieren?
Solche Fragen sollen während des Aktionsjahres immer wieder aufgegriffen werden.
Termine werden laufend ergänzt
Mit dem Streuobstmarkt am 25. Oktober endet das Projekt deshalb nicht.
Der Kreis hat für das Aktionsjahr einen eigenen Veranstaltungskalender eingerichtet.
Dieser soll fortlaufend um neue Veranstaltungen und Aktionen ergänzt werden.
Auch regionale Vereine, Initiativen und andere Akteure können eigene Veranstaltungen zum Thema einbringen.
Dadurch soll aus einzelnen Angeboten ein gemeinsames Programm für die gesamte Bergstraße entstehen.
Streuobstwiesen sollen auch für kommende Generationen bleiben
Der Kreis verbindet mit dem Projekt Naturschutz, Landwirtschaft und den Erhalt regionaler Traditionen.
Dabei geht es nicht darum, jede alte Obstwiese unverändert zu konservieren.
Entscheidend ist vielmehr, dass ausreichend Menschen wissen, wie solche Flächen gepflegt und weiterentwickelt werden können.
Das Bergsträßer Jahr der Streuobstwiese soll dafür Besitzer, Vereine, Fachleute und interessierte Bürger zusammenbringen.
Der erste große Treffpunkt dafür ist am 25. Oktober in Bensheim.
Ob daraus tatsächlich ein dauerhaftes Netzwerk entsteht, wird sich erst zeigen.
Doch gerade weil viele Streuobstwiesen mit Klimawandel und fehlender Pflege gleichzeitig vor zwei Herausforderungen stehen, kommt das Aktionsjahr zu einem passenden Zeitpunkt.
