Was macht eine Stadt lebenswert? Sind es kurze Wege, historische Gebäude, regionale Geschäfte oder Plätze, an denen Menschen gerne zusammenkommen? Mit solchen Fragen beschäftigt sich die internationale Cittaslow-Bewegung seit mehr als zwei Jahrzehnten. Am Sonntag, 18. Oktober 2026, steht sie in Zwingenberg an der Bergstraße im Mittelpunkt eines besonderen Jubiläums.
Quelle: Bild von UnsplashDie Stadt beteiligt sich an den Feierlichkeiten zum 25-jährigen Bestehen von Cittaslow in Deutschland. Von 11 bis 16 Uhr sind ein öffentlicher Festbetrieb und eine Projektschau angekündigt. Besucher können sich dabei mit der Idee einer nachhaltigen und lebenswerten Stadtentwicklung beschäftigen.
Für Zwingenberg hat das Thema eine besondere Bedeutung. Die älteste Stadt an der Hessischen Bergstraße gehört selbst dem internationalen Netzwerk an. Das Jubiläum bietet deshalb auch Anlass, einen Blick darauf zu werfen, was hinter dem Begriff Cittaslow steckt und welche Ziele die Bewegung verfolgt.
Was bedeutet Cittaslow eigentlich?
Der Name Cittaslow setzt sich aus dem italienischen Wort „città“ für Stadt und dem englischen Begriff „slow“ für langsam zusammen.
Gemeint ist damit allerdings nicht, dass in einer Cittaslow-Stadt alles möglichst langsam ablaufen soll.
Im Mittelpunkt steht vielmehr die bewusste Gestaltung des städtischen Lebens. Eine hohe Lebensqualität soll nicht allein an wirtschaftlichem Wachstum oder der Geschwindigkeit von Entwicklungen gemessen werden.
Stattdessen geht es darum, regionale Besonderheiten zu erhalten, natürliche Ressourcen zu schonen und Orte zu schaffen, an denen Menschen gerne leben.
Dazu gehören beispielsweise attraktive öffentliche Plätze, eine lebendige Innenstadt, regionale Produkte und der verantwortungsvolle Umgang mit historischen Gebäuden.
Auch moderne Technologien spielen eine Rolle, wenn sie dazu beitragen, den Alltag nachhaltiger und lebenswerter zu gestalten.
Cittaslow versteht sich damit nicht als Gegenbewegung zum Fortschritt. Die Bewegung möchte vielmehr erreichen, dass Veränderungen zu den Bedürfnissen der Menschen und zum Charakter einer Stadt passen.
Die Bewegung entstand 1999 in Italien
Die Wurzeln von Cittaslow liegen in Italien.
Dort wurde die Bewegung 1999 gegründet. Sie entwickelte sich aus den Gedanken der Slow-Food-Bewegung, die bereits seit den 1980er-Jahren für regionale Lebensmittel, traditionelle Herstellungsmethoden und eine bewusste Esskultur eintritt.
Während Slow Food zunächst vor allem die Ernährung in den Mittelpunkt stellte, übertrug Cittaslow diese Grundgedanken auf das gesamte städtische Leben.
Es ging fortan nicht nur um regionale Produkte, sondern auch um Stadtentwicklung, Umwelt, Kultur und gesellschaftliches Zusammenleben.
Im Jahr 2001 wurde Hersbruck in Bayern als erste deutsche Stadt in das Netzwerk aufgenommen.
Auf dieses Jahr bezieht sich das Jubiläum, das 2026 in Zwingenberg gefeiert wird.
Die internationale Bewegung selbst ist damit bereits älter als 25 Jahre.
Seit 2017 gehört Zwingenberg zum Netzwerk
Zwingenberg ist nicht von Anfang an Mitglied der Cittaslow-Bewegung gewesen.
Die Stadtverordnetenversammlung hatte im Dezember 2016 den Weg für eine Mitgliedschaft eröffnet. Am 1. Juni 2017 bewarb sich die Stadt offiziell um die Aufnahme.
Im Oktober desselben Jahres wurde Zwingenberg in das deutsche Netzwerk aufgenommen. Die Zustimmung zur internationalen Mitgliedschaft folgte im Februar 2018.
Damit wurde die Stadt Teil einer Vereinigung, die sich ausdrücklich der nachhaltigen Entwicklung kleinerer Städte widmet.
Für Zwingenberg spielte dabei auch die regionale Identität eine wichtige Rolle.
Die historische Altstadt, die Lage an der Bergstraße und die Verbindung von Wohnen, Gewerbe und Tourismus gehören zu den Merkmalen, die das Stadtbild prägen.
Mit der Mitgliedschaft verbindet sich der Anspruch, solche Besonderheiten zu bewahren und gleichzeitig neue Entwicklungen zu ermöglichen.
Das Jubiläum am Sonntag erinnert somit nicht an 25 Jahre Mitgliedschaft Zwingenbergs, sondern an 25 Jahre Cittaslow in Deutschland.
Lebensqualität beginnt vor der eigenen Haustür
Die Ziele der Bewegung wirken zunächst recht allgemein. In der kommunalen Praxis betreffen sie jedoch zahlreiche alltägliche Fragen.
Wie gut können Menschen zu Fuß durch die Stadt gehen? Gibt es ausreichend Orte zum Verweilen? Können ältere Menschen öffentliche Einrichtungen erreichen? Welche Möglichkeiten haben regionale Händler und Gastronomiebetriebe?
Auch der Umgang mit Grünflächen, Energie und natürlichen Ressourcen gehört dazu.
Eine lebenswerte Stadt entsteht aus Sicht von Cittaslow nicht durch eine einzelne große Maßnahme.
Entscheidend ist vielmehr, wie unterschiedliche Bereiche zusammenwirken.
Ein historischer Marktplatz kann beispielsweise gleichzeitig ein Ort für Begegnungen, Veranstaltungen und den örtlichen Handel sein. Wird er weiterentwickelt, müssen deshalb unterschiedliche Interessen berücksichtigt werden.
Ähnlich verhält es sich mit älteren Gebäuden. Sie prägen das Ortsbild, sollen aber zugleich sinnvoll genutzt werden können.
Gerade in Zwingenberg sind solche Fragen angesichts der gewachsenen Altstadt von Bedeutung.
Wie passt Cittaslow zur aktuellen Altstadtentwicklung?
Das Jubiläum fällt auf ein Wochenende, an dem sich Zwingenberg intensiv mit seiner städtebaulichen Zukunft beschäftigt.
Bereits am Samstag, 17. Oktober, lädt die Stadt zur Bürgerbeteiligung für das geplante Entwicklungskonzept der Altstadt ein.
Dabei stehen unter anderem Wohnen, Verkehr, Grünflächen und der Erhalt historischer Gebäude im Mittelpunkt.
Die Themen weisen deutliche Berührungspunkte mit den Grundsätzen von Cittaslow auf.
Beide Ansätze beschäftigen sich mit der Frage, wie sich eine Stadt weiterentwickeln kann, ohne ihren eigenen Charakter zu verlieren.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jedes Vorhaben zur Altstadtentwicklung automatisch ein offizielles Cittaslow-Projekt ist.
Die Bürgerbeteiligung gehört zu einem eigenständigen städtebaulichen Planungsprozess. Das Cittaslow-Jubiläum bietet einen zusätzlichen Anlass, über die langfristigen Ziele der Stadtentwicklung nachzudenken.
Projektschau und Festbetrieb am Sonntag
Zum Jubiläum lädt die Stadt Zwingenberg am Sonntag, 18. Oktober, von 11 bis 16 Uhr ein.
Angekündigt sind ein Festbetrieb und eine Projektschau.
Damit soll die Idee der lebenswerten Stadt nicht nur theoretisch behandelt, sondern auch anhand konkreter Beispiele sichtbar werden.
Die Veranstaltung richtet sich nach Angaben der Stadt an Freunde, Nachbarn und alle weiteren Interessierten.
Welche einzelnen Projekte vorgestellt werden und welche Programmpunkte zu bestimmten Uhrzeiten stattfinden, geht aus den bislang geprüften öffentlichen Kurzankündigungen nicht vollständig hervor.
Besucher sollten deshalb für detaillierte Informationen die aktuelle Veranstaltungsseite der Stadt beachten.
Auch zu möglichen Eintrittspreisen oder besonderen Anmeldebedingungen liegen in den geprüften Angaben keine eindeutigen Informationen vor.
Warum regionale Identität eine Rolle spielt
Ein wichtiger Bestandteil der Cittaslow-Idee ist die Wertschätzung regionaler Besonderheiten.
Nicht jede Stadt soll gleich aussehen oder dieselben Angebote entwickeln.
Stattdessen sollen die Merkmale gestärkt werden, die einen Ort unverwechselbar machen.
In Zwingenberg gehört dazu vor allem das historische Stadtbild.
Die Lage zwischen Rheinebene und Odenwald, die Weinbautradition der Bergstraße und die gewachsene Struktur der Innenstadt prägen die Stadt.
Regionale Identität bedeutet dabei nicht, Veränderungen grundsätzlich abzulehnen.
Vielmehr geht es darum, neue Nutzungen, moderne Anforderungen und bestehende Traditionen miteinander zu verbinden.
Auch kleine Geschäfte, Vereine, kulturelle Einrichtungen und örtliche Initiativen können dazu beitragen, dass eine Stadt ihren eigenen Charakter bewahrt.
Nachhaltigkeit ist mehr als Umweltschutz
Cittaslow verbindet ökologische Ziele mit wirtschaftlichen und sozialen Fragen.
Die Schonung natürlicher Ressourcen ist ein wichtiger Bestandteil. Ebenso geht es aber um die Lebensbedingungen der Einwohner und die Zukunft örtlicher Betriebe.
Eine Stadt kann beispielsweise durch zusätzliche Grünflächen auf sommerliche Hitze reagieren. Gleichzeitig braucht sie bezahlbare und nutzbare Räume für Wohnen, Arbeit und Begegnung.
Auch die Förderung regionaler Wirtschaftskreisläufe gehört zum Grundgedanken.
Wenn Menschen Produkte und Dienstleistungen vor Ort nachfragen, können davon lokale Betriebe profitieren.
Solche Entwicklungen lassen sich jedoch nicht allein durch eine Mitgliedschaft in einem Netzwerk erreichen.
Entscheidend ist, welche Maßnahmen tatsächlich vor Ort geplant, beschlossen und umgesetzt werden.
Das Cittaslow-Netzwerk bietet dafür vor allem gemeinsame Leitlinien und Möglichkeiten zum Erfahrungsaustausch.
Jubiläum als Gelegenheit zum Austausch
Die Feier in Zwingenberg soll am Sonntag Menschen zusammenbringen, die sich für die Entwicklung ihrer Stadt und für die Ziele der Cittaslow-Bewegung interessieren.
Dabei geht es nicht nur um einen Rückblick auf die vergangenen 25 Jahre in Deutschland.
Das Jubiläum lenkt zugleich den Blick auf aktuelle Fragen: Wie können historische Innenstädte lebendig bleiben? Welche Rolle spielen regionale Angebote? Und wie lassen sich Nachhaltigkeit und Lebensqualität miteinander verbinden?
Für Zwingenberg sind diese Themen angesichts der laufenden Diskussion über die Zukunft der Altstadt besonders aktuell.
Der öffentliche Festbetrieb und die Projektschau bieten eine Gelegenheit, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen und die Bewegung näher kennenzulernen.
